Thekchen Chöling, Dharamsala, HP, Indien - Heute Morgen kamen etwa 4000 Menschen im Tsuglagkhang, dem wichtigsten tibetischen Tempel, zusammen, um für das lange Leben Seiner Heiligkeit des Dalai Lama zu beten. Die Gebete wurden von ehemaligen tibetischen politischen Gefangenen, die heute in 15 Ländern weltweit leben, und Mitgliedern des Vereins Lhasa Boys, einer Ende der 1960er Jahre in der Schweiz gegründeten Wohlfahrtsorganisation, angefragt und unterstützt.

Vertreter dieser Förderer trafen Seine Heiligkeit am Tor zu seiner Residenz. Dann begleiteten sie ihn, angeführt von Mönchen, die Hörner bliesen und Gefäße mit Räucherduft schwangen, zum Tempel. Mit einem strahlenden Lächeln winkte Seine Heiligkeit den Menschen zu, während er vorbeiging.
Die Zeremonie wurde von Kundelling Rinpoche geleitet, der Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama gegenüber saß. Rechts von Rinpoche saßen Geshe Lobsang Samten, der neue Abt des Namgyal-Klosters, und Keutsang Rinpoche. Zur Linken von Kundelling Rinpoche saß Öser Rinpoche, der Dorje Löbpön des Namgyal-Klosters und ehemalige Disziplinar des Klosters.
Die Gebete des heutigen Tages konzentrierten sich auf die Weiße Tara, die langes Leben schenkt und als Beschützerin aller fühlenden Wesen gilt (Langlebenszeremonie der weißen Tara des wunscherfüllenden Rades vom großartigen fünften Dalai Lama). Tara wurde mit der Bitte angerufen: „Komme bitte mit deinem Gefolge an diesen Ort.“ Und weiter hieß es: „Deine Bestrebungen sind weitreichend, deine Visionen vollständig, und nun ist es an der Zeit, dein Versprechen zum Wohle der Lebewesen zu erfüllen.“ Die visualisierte Tara-Gottheit wurde mit Kraft erfüllt, und auf ihrem Kopf erschien Amitabha Buddha. Es wurden ausgedehnte Ozeane von Opfergaben vorgestellt, darunter Wasser zum Trinken, zum Waschen der Füße und zum Waschen des Gesichtes sowie reinigendes Wasser, Blumen Räucherwerk, Licht, Duftwasser, Speisen, Musik und so weiter. Das Tara-Mantra wurde als Rad visualisiert.

Es wurden Gebete an eine Reihe von Lamas und Gottheiten gerichtet, wobei jeder Vers mit der folgenden Bitte endete:
Nachdem ihr an diesen vortrefflichen Ort gekommen seid,
möget ihr das Leben unseres glorreichen Lamas um hundert Äonen verlängern.
Bitte gewährt ihm die spirituelle Vollendung eines unsterblichen Lebens.
Kundelling Rinpoche ging zum Thron, um Seiner Heiligkeit den Pfeil des langen Lebens zu überreichen, den dieser annahm und schwang. Amitayus, der Buddha der Langlebigkeit, wurde angerufen. Seine Heiligkeit hielt einen Vajra an sein Herz, von dem eine Schnur zu jedem der Lamas führte, die die Zeremonie leiteten. Das Ritual beschrieb, wie der Körper des Lamas mit verschiedenfarbigen Lichtern erfüllt wurde – gelb, rot, blau, grün und braun –, die aus den Poren seines Körpers strahlten und ein Zelt aus Licht bildeten. Taras Mantra wurde rezitiert und als Rad visualisiert.

Es wurde eine Tsog-Opfergabe (Ganapuja) dargebracht, von der Seine Heiligkeit einen kleines Stück nahm und aß. Der Rezitationsmeister errichtete ein Mandala aus Getreide, das Kundelling Rinpoche Seiner Heiligkeit darbrachte und ihn um ein langes Leben bat. Anschließend überreichte er eine Statue, eine Schriftrolle und eine Stupa, die den Körper, die Sprache und den Geist Buddhas symbolisieren. Als Nächstes opferte er eine Vase der Langlebigkeit, aus der Seine Heiligkeit einen Tropfen nahm, Symbole der fünf Buddha-Familien, Nektar der Langlebigkeit und Langlebigkeitspillen. Anschließend opferte er die sieben königlichen Embleme, die acht glückverheißenden Symbole und die acht glückverheißenden Substanzen.
Eine Prozession von Menschen, die Opfergaben wie Statuen, Kopien des Sutras der Langlebigkeit, Mönchsgewänder und so weiter trugen, zog durch den Tempel. Einzelne Personen gingen zu Seiner Heiligkeit und erhielten einen geknoteten und gesegneten Streifen roten Stoffes. Es wurde Die Melodie des Nektars der Unsterblichkeit – ein Gebet für das lange Leben Seiner Heiligkeit, des vierzehnten Dalai Lama von Jamyang Khyentsé Chökyi Lodrö rezitiert. Den Abschluss der Prozession bildete ein sehr alter, weißhaariger Mann in einer weißen Chuba – Seine Heiligkeit klopfte ihm anerkennend auf den Kopf.

Der Rezitationsmeister fertigte ein weiteres Mandala, das Seiner Heiligkeit als Zeichen der Dankbarkeit dafür überreicht wurde, dass er der Bitte nachgekommen war, 100 Äonen zu leben. Vertreter der Förderer, Frauen und Männer, überreichten Darstellungen des Körpers, der Sprache und des Geistes Buddhas und erinnerten daran, dass Seine Heiligkeit Tenzin Gyatso, Avalokiteshvara, die Quelle allen Glücks ist.
Ein Mönch aus dem Namgyal-Kloster verlas eine Erklärung, in der er Seiner Heiligkeit Ehrerbietung erwies und seine vier großen Verpflichtungen würdigte. Gleichzeitig überreichten Vertreter ehemaliger politischer Gefangener in Tibet Seiner Heiligkeit ein Andenken an sein 90. Lebensjahr sowie ein Gemälde, auf dem er von Menschen umgeben ist, die in seinem Leben eine bedeutende Rolle gespielt haben – seine Lehrer, Mahatma Gandhi, Jawarhalal Nehru, Mutter Teresa, Nelson Mandela und viele andere. In der Erklärung wurde Seine Heiligkeit als Lehrer des Mitgefühls bezeichnet, und als jemand, der alle Traditionen des tibetischen Buddhismus hochhält. Es wurde auch auf einen bedeutenden Vers, den Seine Heiligkeit häufig rezitiert, Bezug genommen:

Solange der Himmelsraum besteht
und solange die Welt besteht,
solange möge auch ich bestehen,
um die Leiden der Wesen zu beseitigen.
Die Erklärung endete mit den Worten: „Wir bitten Euch, dieses Andenken und diese Auszeichnung anzunehmen, die Euch bei dieser Gelegenheit von den ehemaligen politischen Gefangenen Tibets überreicht wird.“
Als Nächstes hielt Ngawang Sangdol, eine der „singenden Nonnen“, die in Tibet verhaftet und bestraft worden waren, eine Rede:
„Mit großen Entbehrungen habt Ihr, Eure Heiligkeit Eure Heimat verlassen. Dennoch kümmert Ihr Euch aus Mitgefühl um alle fühlenden Wesen, insbesondere um das tibetische Volk. Ihr seid die einzige Hoffnung des gesamten tibetischen Volkes. Die zerstörerischen Kräfte der Kommunistischen Partei Chinas haben dem tibetischen Volk so großes Leid gebracht, dass es Tag und Nacht unter Tränen leidet.
Wir laufen Gefahr, unsere Kultur und Sprache zu verlieren. Die Menschen in Tibet haben zu verzweifelten Maßnahmen wie Selbstverbrennungen gegriffen, um darauf aufmerksam zu machen. Wir sind in unserem eigenen Land nicht mehr frei. Infolgedessen mussten wir aus unserer Heimat fliehen. Wir beten, dass Ihr, der Beschützer des Landes des Schnees, doch noch dorthin zurückkehren mögt.

Die chinesischen Kommunisten verbieten den Unterricht in tibetischer Sprache. Die Lehrer unterrichten weiterhin heimlich, so gut sie können, aber sie tun dies unter großer Gefahr für sich selbst. Es gibt sogar chinesische Beamte, die beauftragt sind, tibetischen Kindern eine erfundene Geschichte beizubringen. Sie erklären Touristen beispielsweise, dass der Potala-Palast als Geschenk für eine chinesische Prinzessin erbaut wurde.
Menschen, die für die Regierung arbeiten, dürfen keine Tempel besuchen oder sich fromm verhalten. Alle Tibeterinnen und Tibeter sind Euch, Eure Heiligkeit, ergeben, aber Kinder werden gezwungen, gegen ihre Eltern zu rebellieren. Regeln und Vorschriften schränken ein, was Tibeterinnen und Tibeter tun dürfen. Kinder namens Tenzin dürfen keine Prüfungen ablegen. Es reicht nicht aus, alles zu beschreiben, was gerade vor sich geht. Es genügt zu sagen, dass unsere Augen sich mit Tränen füllen, wenn wir Eure Stimme hören. Es gibt niemanden außer Euch, der dazu ermutigt hat, traditionelles Wissen mit moderner Wissenschaft zu verbinden, um Mitgefühl zu lehren. Wir beten darum, jetzt und in Zukunft Eure Schülerinnen und Schüler zu sein.“
Die Zeremonie endete mit der Rezitation des Gedichts für sein langes Leben, das Seine Heiligkeit auf Wunsch von Dilgo Khyentse Rinpoche verfasst hatte, dem Gebet Das Leuchten der Lehre (Ein Gebet für das lange Bestehen des Dharma), dem Gebet der Worte der Wahrheit“ und Versen aus dem Samantabhadra-Gebet.
Seine Heiligkeit ging vom Tempel zum Aufzug und fuhr dann in einem Golfwagen durch den Tempelhof, wobei er lächelte und die wartenden Menschen Seiten grüßte.










